Hund Sancho
Hund Sancho
Die Erfahrungen eines Problem-Hundes
nach seiner Übernahme aus dem Tierheim im Oktober 2004
Hund Sancho

ERFAHRUNGSBERICHT I: Fazit nach 3 Monaten

Mein Nachbar sagte mir vor der Übernahme des Hundes: Der Hund wird Dein Leben total umkrempeln!". Ich hielt das für übertrieben, weiß aber heute, daß er sehr wohl recht hatte. Bei allem, was man plant und vorhat (Urlaub, Freunde besuchen, auf eine Messe oder Ausstellung fahren, Einkaufen, Arztbesuche usw.) ist der Hund einzubeziehen und wird Teil der Planung. Gewisse Vorhaben, die bislang problemlos möglich waren, sind ab sofort nur noch eingeschränkt machbar. Was passiert, wenn man als Alleinstehender unerwartet krank wird, mit dem Hund? Wer nimmt ihn in Pflege? Was kostet das? Was passiert mit ihm, wenn man mal ein paar Tage wegfahren will? Kann er mitkommen, wird er von den Gastgebern akzeptiert? Verträgt er längere Autofahrten? Was ist mit der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln? Diese und viele andere Fragen muß man sich eigentlich VORHER stellen und BEANTWORTEN.

Der zukünftige Eigner eines - möglicherweise - Problemhundes muß bereit sein, sehr sehr viel Geduld aufzubringen. Er muß sich darauf einstellen, daß der Abbau insbesondere der psychischen Beeinträchtigungen des Hundes 1 - 2 Jahre dauern kann (vermutlich; diese Einschätzung wurde nach ca. 3 Monaten getroffen. [Update vom 12.01.2007: Mittlerweile gehe ich von 3 Jahrenn aus!]). Dabei werden die Grundproblematiken (insbesondere die Angst) vermutlich nie gänzlich abgebaut werden können. Die Auswirkungen auf die Psyche des Eigners dürfen dabei nicht unterschätzt werden. Je nach Ausprägung des Verantwortungsbewußtseins und der Bindungsgefühle des Eigners zum Hund können die beschriebenen Probleme des Hundes sehr belastend sein. Von glücklich bis sehr verzweifelt kann es zu allen auch dazwischenliegenden Empfindungen kommen. Es wird Tage geben, an denen man es sehr bereuen wird, einen (diesen) Hund übernommen zu haben. Man muß bereit sein, lange Zeit (s.o.) nur der GEBENDE zu sein, und zwar in jeder Beziehung, nicht nur materiell! Bis der Hund etwas ZURÜCKGIBT, kann es, wie gesagt, sehr lange dauern. 

Anfängliches Fehlverhalten des Hundes MUSS man stets verzeihen und kein Drama daraus machen. Der Hund macht die Fehler nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil er Angst hat und panikartig reagiert.

Mit einer wie auch immer gearteten Erziehung darf man erst beginnen, wenn ein Grundvertrauen seitens des Hundes zu seinem Menschen aufgebaut wurde. Das kann ca. 6 - 12 Monate dauern! Fängt man zu früh an, wertet der Hund diese Versuche als Bedrohung und fällt wieder in sein Angstverhalten zurück. Deshalb sollte man lieber etwas länger warten, um mit einer weitergehenden Erziehung zu beginnen. Grundlegende Verhaltensbefehle, die für den Ausgang unumgänglich sind, ergeben sich von alleine und ohne große Anstrengung, wenn man konsequent immer nur mit denselben Befehlen arbeitet (z.B. „STOP" oder „HALT", wenn der Hund stehenbleiben soll). Diese Befehle müssen nicht dem Standard-Hundevokabular gem. Hundeschule entsprechen, wichtig ist, daß der Hund darauf reagiert. Ob es jemals möglich sein wird, mit dem Hund eine Hundeschule zu besuchen, kann i.R. dieses Erfahrungsberichtes nicht bewertet werden. Vermutlich nein.

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Bezüglich der Ernährung kann man experimentieren. Ausgehend von den Standard-Regeln für die Ernährung von Hunden (nachlesbar in entsprechenden Ratgebern) kann man Variationen einbauen und sehen, wie der Hund das annimmt. Im Laufe der Zeit stellt sich ganz von allein ein passender Speiseplan ein.

Man darf sich als verantwortungsbewußter und mitfühlender Eigner gerade in der Anfangszeit von dem Tier nicht „runterziehen" lassen! Der Hund wird in den ersten Wochen einen bemitleidenswerten psychischen, ja depressiven Eindruck machen, der dem Menschen Sorge bereitet, ob das jemals besser wird. Es wird! Man muß dem Hund stets mit Optimismus und unbefangen begegnen, dann wird er zusehends sicherer und „lockerer". Hunde orientieren sich sehr am Verhalten ihres Rudelführers und das ist der Eigner! Das gilt insbesondere für die Hunde-Ängste. Je selbstsicherer und unverkrampfter der Eigner mit kritischen Situationen umgeht, umso eher und intensiver wird der Hund zukünftig ebenso souverän darauf reagieren (z.B. die Begegnung mit anderen, insbesondere größeren Hunden während des Ausgangs).

Mit viel Zuwendung und Sorge wird sich der Hund immer mehr in Richtung eines „normalen" Hundes entwickeln. Seine Grundprobleme werden zwar nicht gänzlich verschwinden, aber sie werden dann nur noch in besonders stressigen Situationen zum Tragen kommen. Man darf nie vergessen: der Hund hatte noch nie eine Bezugsperson (im Falle von Sancho war das so) und auch noch nie ein Zuhause (Haus und Hof). Er muß erst einmal begreifen, daß er jetzt eine feste Bezugsperson hat, er nie wieder Sorge um die nächste Nahrungsbeschaffung haben muß, er keinerlei Rangkämpfe in einem Rudel mehr bestehen muß und unbekümmert in den Tag hineinleben kann. Dieser Entdeckungsprozess ist es, der so lange dauert und den Eigner auf eine lange und harte Probe stellt.

Sie werden viele „Experten" kennenlernen, die Ihnen Ratschläge geben, wie man einen Hund erzieht. Hören Sie sich die alle ruhig an. Sie können durchaus hilfreich sein, besonders in schweren psychologischen Phasen. Sie können einem auch Fachwissen vermitteln. Aber bewerten Sie immer dabei die Kompetenz des Ratgebenden! Nicht alle sind wirklich fachkundig und reden daher ziemlichen Unsinn. Diese Ratschläge sollten Sie dann nicht anwenden. Lassen Sie einfach Ihren „gesunden Menschenverstand" die Regie übernehmen. Merkwürdige Ratschläge ignorieren!

Es gibt sehr viele Fachbücher zum Thema Hundeerziehung und -sozialisation. Ich habe festgestellt, daß auf die Art Hund wie Sancho die meisten der Ratschläge dieser Bücher NICHT zutreffen, weil die stets davon ausgehen, daß ein Welpe ins Haus kommt. Besorgen Sie sich daher besondere Bücher über Problemhunde. Auch das Internet ist hilfreich. Weiterführende Literaturhinweise werden eventuell in den Fortschreibungen dieses Berichtes enthalten sein.

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