Hund Sancho
Hund Sancho
Die Erfahrungen eines Problem-Hundes
nach seiner Übernahme aus dem Tierheim im Oktober 2004
Hund Sancho

Psychologische Probleme des Hundes

Angst

Ein zentrales Problem ist Sanchos Angst. Die machte uns in den ersten Wochen und Monaten wirklich Probleme.

Sancho hatte vor allem Angst. In besonderen Situationen reagierte er sogar panikartig, zu Beginn hat er deshalb 2x im Haus alles von sich gegeben (außer Erbrechen). Das hat mich total verunsichert. Er ist sehr schreckhaft, alle ihm unbekannten Geräusche versetzen ihn in Angst und Schrecken. Besonders auf große Hunde hat er zu Anfang extrem ängstlich reagiert.
Heute treten diese Ängste nur noch erheblich abgeschwächt auf. Er hat sich jetzt in seine neue Lebenssituation eingewöhnt, ein gewisses Grundvertrauen zu mir aufgebaut und agiert erheblich souveräner als zu Anfang.

Aufgabe des Halters ist es, stets ruhig, gelassen und souverän zu reagieren, wenn wieder einmal eine Panikreaktion einsetzt. Gutes Zureden hilft stets. Auch sanftes, aber dennoch bestimmtes Weiterhelfen ist hilfreich, z.B. habe ich ihn während des Ausgangs mithilfe des Brust-Halfters (an dem ich ihn heute noch führe) leicht nach vorne gezogen, wenn in der Ferne ein großer Hund sichtbar wurde und Sancho massiv scheute. Heute muß ich nur noch wenig nachhelfen. Wenn er merkt, daß seine Bezugsperson gelassen mit der Situation umgeht, übernimmt er diese Art nach geraumer Zeit auch, zumal er merkt, daß ihm nichts geschieht. Man muß als Halter beherzt in die auch für einen selbst etwas mulmige Situation hineingehen, um dem Hund als Beispiel dienen zu können. Dann lassen diese Ängste im Laufe der Zeit von alleine nach. Inwieweit sich diese Ängste insgesamt abbauen lassen, kann heute noch nicht beurteilt werden. Das wird in der 2. Fassung dieses Erfahrungsberichtes dargestellt werden können (siehe hierzu den Abschnitt Fortschreibung dieses Berichtes.

Sancho hatte zu Beginn (von mir so genannte) "Sperren"; einmal die "Heimgehsperre" und dann die "Ins-Haus-Geh-Sperre". Wenn er merkte, daß es wieder nach hause ging, hat er gesperrt, d.h. die Vorderläufe auseinandergespreizt und in den Boden gestemmt. Nichts ging mehr. Ich habe herausgefunden, daß folgendes half:

In die Hocke gehen, streicheln und kurz gut und beruhigend zureden. Eigentlich ist das erstaunlich, weil es nach den Standard-Regeln der Hundeerziehung genau falsch war. Denn man soll unerwünschtes Verhalten nicht auch noch durch eine positive erzieherische Maßnahme (Streicheln) bestärken. Bei Sancho jedoch hat dieses Verhalten sofort geholfen: Er ging danach direkt weiter (bis zur nächsten Sperre; dann ging das Spiel von vorne los). Ich wollte ihn eben nicht auf das Grundstück und ins Haus zwingen, denn er sollte ja Zutrauen dazu fassen und nicht eine neue Aversion dagegen entwickeln.

Genauso spielte es sich an der Haustür ab: Sancho wollte partout nicht durch die geöffnete Haustür. Meine Maßnahmen waren dieselben und sie haben geholfen. Man kann daran erkennen, daß nicht Rumgezerre, Rumschreien und schlimmstenfalls körperliche Züchtigungen zum Erfolg geführt haben, sondern Geduld, Verständnis und gutes Zureden

Dieser Ratschlag soll den Halter nicht davon abhalten, angemessen auch einmal etwas deutlicher zu werden, wenn die Situation es zuläßt und erfordert: Als Sancho nach einem längerem Verzicht auf die "Ins-Haus-Geh-Sperre" plötzlich wieder sperrte, bin ich deutlich lauter geworden, habe nicht mehr die sanfte Tour angewendet und ihn auch leicht ins Haus gezogen, also entgegen meinem o.g. Grundsatz. Er sollte merken, wer hier das Sagen hat. Seitdem hat er nie wieder gesperrt, auch wenn ich natürlich nach wie vor merke, daß es ihm nicht gefällt, den Ausgang zu beenden. Denn seine ganze Leidenschaft ist der Aufenthalt im Freien, das ist ihm noch wichtiger als das Fressen. Ein deutlicher Hinweis auf seine Vergangenheit.

Apathie

Sancho gewöhnte sich sehr schnell an, unmittelbar nach Rückkehr vom Ausgang in seinen Korb zu gehen, sich dort einzukuscheln und den Korb bis zum Beginn des nächstfolgenden Ausgangs nicht mehr zu verlassen. Innerhalb des Hauses bewegt er sich nur sehr selten. Er verbringt also den größten Teil des Tages in seinem Korb. Das ist bis heute unverändert. Diese Verhaltensweise verunsichert mich immer wieder. Wenn ich denn wüßte, daß er damit glücklich ist, dann wäre es ja gut. Ich habe eigentlich nichts dagegen, daß es so ist, auch wenn ich mir etwas mehr Agilität seinerseits durchaus wünschen würde. Aber ich weiß nicht, wie ich das ändern kann.

Spielen kennt er garnicht und irgendwelche Versuche, mit ihm zu spielen, lehnt er rigoros ab (vermutlich empfindet er diese Spiel-Versuche wieder als Bedrohung, jedenfalls kann er damit überhaupt nichts anfangen. Eigentlich kein Wunder, er hat es ja nie kennengelernt in seiner Kindheit und Jugend). Zu Anfang dachte ich zunächst, daß er eben einen hohen Ruhe- und Erholungsbedarf hat, aber das kann es heute nicht mehr sein, nach 3 Monaten.

Wenn er merkt, daß es wieder rausgeht, wird er schlagartig aktiv und ist plötzlich ein ganz "normaler" Hund. Er freut sich dann intensiv, ist sogar ein wenig übermütig und kann es kaum erwarten, bis es endlich rausgeht. Diesem Verhalten habe ich schlußendlich entnommen, daß er nicht depressiv veranlagt ist (das merkt man auch an anderen Verhaltensweisen). Ich kann nur hoffen, daß er im Haus später etwas aktiver wird oder daß er, sollte sich sein Aufenthalt in seinem geliebten Korb verfestigen, er dabei wenigstens glücklich ist.

Weglaufen

Am 5. Tag nahm ich Sancho mit in den Garten. Dort konnte er sich auf dem Grundstück frei bewegen. Das ging 3 Tage gut. Er war an dem Grundstück jedoch nicht sonderlich interessiert, sondern suchte sich ein geschütztes Plätzchen, legte sich dort hin und beobachtete das Geschehen. Als ich am 8. Tag wieder mal vor das Haus ging, sah ich Sancho gerade noch auf der Straße Richtung Ortskern verschwinden. Alles Rufen, Locken etc. half nichts, er ignorierte mich und verschwand. Nach 5 Stunden erhielt ich einen Anruf von einer ortsnahen Tierarztpraxis, ich könne dort meinen Hund abholen. Er sei von einer Frau, die ihn an der unweit verlaufenden Bundesstraße gefunden hatte, abgegeben worden. Glücklicherweise hatte ich Sancho 1 Tag zuvor eine Plakette mit meiner Telefonnummer an das Halsband gemacht.

Am 9. Tag nahm ich Sancho wieder mit in den Garten, fixierte ihn aber mit einer langen, flexiblen Schnur, die an seinem Halfter befestigt war. So hatte er genügend Freiraum, konnte aber nicht weg. Das meinte ich jedenfalls. Nach ca. 2 Stunden lief er wieder auf der Straße rum und wollte gerade wieder verschwinden. Er konnte jedoch von der Briefträgerin angelockt werden (Frauen gegenüber ist Sancho ziemlich zutraulich) und somit hatte ich ihn wieder. Wie hatte er sich nur befreit? Die Lösung war ganz einfach: Sancho hatte die Schnur auf Spannung gebracht, sich umgedreht und rückwärts aus dem Halfter gezogen! Dann verließ er das Grundstück durch ein (von uns Menschen bisher unentdecktes) Loch in der Hecke. Auf diese Weise erfuhr ich also, daß ich auch noch einen ziemlich intelligenten Hund übernommen hatte.

Ab jetzt nahm ich ihn nicht wieder mit in den Garten, so dumm das auch war: Mein Hund mußte im Haus bleiben, während ich im Garten herumwirtschaftete. Aber es ging nicht anders. Der schlaue Bursche hätte es irgendwie wieder geschafft, abzuhauen.

Weiter mit Fazit 1a





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