Hund Sancho
Hund Sancho
Die Erfahrungen eines Problem-Hundes
nach seiner Übernahme aus dem Tierheim im Oktober 2004
Hund Sancho

Wie wir zusammenleben

Dieses ist (gegenüber dem Erfahrungsbericht 1) ein neuer Abschnitt, der aufgenommen wurde, da sich dieses Thema erheblich verändert hat.

Seit Mitte Juli 2005 lebt Sancho rund um die Uhr draußen. Und zwar aufgrund eigenen Willens, nicht etwa, weil ich das so will. Er hat sich im Juli, nachdem er sich wieder mal aus dem Geschirr befreit hatte, strikt geweigert, es sich von mir wieder anlegen zu lassen. Nach ca. 14 Tagen hin und her, in denen er auch wieder für einige Tage im Haus und an der Leine war, gelang es ihm erneut, sich aus dem Geschirr zu befreien. Seitdem hat er keine Leine mehr angehabt. Nach einigen Wochen lag plötzlich das Halsband auf dem Rasen, das hatte er auch abgestreift. Seitdem läuft er ohne irgendwelche Bänder oder Gurte herum.

Ich hatte zu Anfang ein erhebliches Problem mit dieser Situation. Er hatte (und hat) nämlich die unangenehme Angewohnheit, sich mitten auf die Straße zu legen (dabei handelt es sich um eine asphaltierte Dorfstraße ohne Bürgersteige). Der Verkehr hält sich zwar in Grenzen, jedoch ist diese Straße für einen Teil der Bevölkerung die Zu- und Abfahrtstraße hin zur Kreisstraße, so daß morgens und abends doch ein gewisser Stoßverkehr entsteht.
Und just dann liegt mein Sancho auf der Straße und hat auch eine gewisse Sturheit gegen die Autos entwickelt. Er steht nur widerwillig auf, wenn ein Auto kommt, manchmal garnicht. Die meisten Leute kennen diese Situation mittlerweile schon und nehmen überwiegend bisher Rücksicht darauf. Dafür bin ich meinen Nachbarn und Mitmenschen außerordentlich dankbar! Wenn jedoch mal etwas passiert, bin ich aus juristischer Sicht verantwortlich und muß für alle Folgen aufkommen. Außerdem darf ich dem Autofahrer noch nicht einmal böse sein, der meinen Hund überfährt, egal, ob er zu schnell gefahren ist (kommt recht oft vor!) oder nicht. Im Gegenteil, ich muß ihm den entstandenen Schaden bezahlen. Und den Schaden an meinem Hund trage ich auch selbst, sofern der den Unfall überlebt! Eine äußerst unangenehme Situation, mit der ich aber heute noch lebe und leben muß. Denn alle Versuche, ihn von der Straße wegzubringen, schlugen fehl. Er liebt seinen Asphalt über alles.

Irgendwann hatte ich mich mit der Situation abgefunden und entschieden, die Lage nicht per Zwang gegen seinen Willen zu verändern. Das war eine wichtige und grundlegende, bewußte Entscheidung. Denn dazu hätte ich ihn erst einmal einfangen müssen, das wäre schon sehr schwer geworden und wäre nicht ohne (zumindest psychologische) Blessuren abgegangen. Dann hätte ich ihm wieder unter Zwang das Halsband und das Körpergeschirr anlegen müssen, um daran die Leine befestigen zu können. Das alles hätte das kleine Pflänzlein "Vertrauen", das ich bis dahin aufgebaut hatte, mit einem Schlag wieder zerstört. Und der Aufenthalt im Haus (von dem ich heute weiß, dass er für ihn eine Qual gewesen sein muß, wie sein Verhalten ja auch gezeigt hat) hätte von mir dann auch wieder erzwungen werden müssen. Dieses Verfahren hätte meine bis dahin 8-monatigen Bemühungen, sein Zutrauen zu gewinnen, wieder vernichtet. Das wollte ich aber unter keinen Umständen, dazu war es zu schwer gewesen.

Im Spätsommer zeichnete sich dann ab, das sich an dem oben beschriebenen Zustand nichts mehr ändern würde. Sancho wird wohl nie wieder das Haus betreten. Also galt es zu überlegen, wie er den Winter überstehen könnte. Denn trotzdem er im wahrsten Sinne des Wortes ein „harter Hund“ ist, sucht er doch bei extrem schlechtem Wetter irgendwo Unterschlupf, um gegen starken Regen und Wind geschützt zu sein.
Aber würde er denn bei seiner grundsätzlichen Abneigung gegenüber Gebäuden (er empfindet wohl jedes Gebäude als Gefängnis) eine Hundehütte akzeptieren? Wie konnte ich ihm einen festen Schutz gegen die Witterung bieten?
Nach einiger Überlegung kam ich dann auf die Idee, ihm ein stabiles 2-Mann-Zelt aufzubauen, das ich von früher her noch im Keller hatte. Ich mußte herausfinden, ob er dieses Zelt als Unterschlupf annehmen würde, dann könnte man weitersehen. In dieses Zelt stellte ich eine Euro-Palette, darauf eine dicke Styropor-Platte und darauf dann seinen Korb, den ich dann noch mit kälteabweisendem Material und Decken auslegte. Und tatsächlich – nachdem das Zelt ca. 1 Woche ungenutzt stand, lag er eines Tages plötzlich drin! Er hatte es also akzeptiert, weil ihn die schlechter werdende Witterung auch wohl zu dieser besseren "Einsicht" getrieben hatte.

Ich habe das Zelt dann noch mit einer Gewebeplane überdeckt, damit der Zeltstoff gegen die ständig einwirkende Feuchtigkeit geschützt war. Diese Gesamtkonstruktion hat sogar den Orkan Anfang Dezember überstanden, auch wenn es manchmal so aussah, als wenn dieses etwas abenteuerlich aussehende „Jahrhundertbauwerk“ schlagartig davonfliegen würde.
Spätestens im Frühjahr werde ich die Gewebeplane durch ein massives Holzdach ersetzen. Das Zelt bleibt stehen, weil es auch etwas Wärme erzeugt, ist dann aber durch eine feste Überdachung geschützt. Dann kann eigentlich nichts mehr passieren.

Hund Sancho Hund Sancho Hund Sancho

Sanchos Fütterung findet jetzt am Haus statt. Dort bekommt er seinen Napf und frisches Wasser, das ist mittlerweile feste Routine und bereitet keinerlei Probleme.

Da ich es noch nicht geschafft habe, Sancho ins Auto zu locken (solange er an der Leine war, ging das eigentlich schon ganz gut, aber seitdem er seine Freiheit wieder hat, geht er nicht mehr ins Auto), müssen wir im Frühjahr zu Fuß zur Tierarztpraxis gehen, um ihm dort draußen die Impfungen zu setzen, Blut zu entnehmen und die Zähne zu prüfen. Ist eine Behandlung notwendig, muß er die ggf. notwendige Betäubungsspritze ebenfalls draußen bekommen und ich werde ihn dann in die Praxis tragen. Diese Situation muß ich auf mich zukommen lassen und lageangemessen vorgehen.

Die wichtigste Feststellung von allen ist jedoch, daß Sancho nicht wegläuft, obwohl er es jederzeit tun könnte! Diese Erkenntnis ließ mir einen großen Stein von der Seele rollen, hatte ich doch genau das befürchtet. Ich hatte schon vor Augen, daß ich ihn nach dem x-ten Mal Zurückholen wohl doch wieder ins Tierheim geben müßte, weil dieser Zustand auf Dauer untragbar gewesen wäre. Sancho bleibt jedoch immer in der Nähe des Hauses oder auf dem Grundstück, er hat also eine Bindung dazu entwickelt. Er bewegt sich tagsüber in einem Nahbereich von ca. 200 m Radius um das Grundstück, geht ab und zu auf Streiftour, ist aber zu den für ihn wichtigen Zeiten (Fütterung, Ausgang) immer da. Das ist phantastisch. Es ist mir tatsächlich gelungen, ihn an mich zu binden und das wiegt vieles wieder auf.

So hat es sich also ergeben, daß ich zwar einen Hund habe, mit ihm aber nur in Kontakt bin, wenn ich das Haus verlasse. Unsere „Beziehung“ findet im wesentlichen während der Ausgänge statt. Ich gebe zu, daß ich mir das so eigentlich nicht vorgestellt hatte. Mittlerweile habe ich mich aber damit abgefunden, zumal es sowieso nicht änderbar ist. Sancho freut sich wie verrückt, wenn er mich sieht, insbesondere wenn ich Mittags wieder nach hause komme oder überhaupt, wenn ich mal für 2-3 Stunden abwesend war. Und genau diese sichtbare Freude ist es, die das Ganze aushaltbar macht, wenngleich das sich aus seinem freien Rumlaufen ergebende Risiko immer mitschwingt und immmer in meinem Hinterkopf vorhanden ist. Es gibt aber – so sehe ich das jedenfalls – keine Alternative!

So geht es in diesem Erfahrungsbericht 2 weiter

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